MIKROKOSMOS


9. 10.- 14. 11. 2010
MIKROKOSMOS
Nils Olav Bøe, Yotta Kippe, Nika Radić, Joachim Schmid

Laudatio: Barbara Blickensdorff, Kuratorin, Berlin
Ausstellungseröffnung: Freitag, den 8.10.2010, um 20 Uhr
Finissage: Freitag, 12.11.2010, um 20 Uhr, mit der Butoh-Tänzerin Makiko Tominaga

Nils Olav Bøe- Simulakrum – Fotografie

Der Norwegische Künstler Nils Olav Bøe baut in seinem Studio Vorrichtungen, die an wissenschaftliche Laboratorien oder an die Apparate erinnern, mit denen in den 1920er Jahren Karl Bloßfeld mikroskopisch kleine Pflanzendetails vergrößert im Bild festhielt. In Bøe’s Fotografien geht es nicht um den flüchtigen „entscheidenden Augenblick“, wie ihn Henri Cartier-Bresson für die Fotografie in der Mitte des 20. Jahrhunderts beschrieb, sondern um einen für das Foto erschaffenen kleinen stehenden Moment, der abgelichtet und vergrößert wird.
In der Tradition der Objet trouvé verwendet Bøe dazu gefundene Gegenstände. Die Akteure sind kleine Menschenfiguren von zwei Zentimetern Größe, wie sie im Modellbau oder in Kinderzimmern anzutreffen sind. Bøe fotografiert sie mit einem Objektiv, dass groß genug ist, um diese winzigen Figuren später in Lebensgröße zu reproduzieren.
Er arrangiert die kleinen Menschennachbildungen zu Szenen, die Standartsituationen des gesellschaftlichen Lebens sind. Sie wirken wie die Mittler aus einer anderen, der irdischen sehr nahen Welt, wie eine Rekonstruktion dieser Welt durch Selektion und Neukombination. Es entsteht eine zweite Welt, die der ersten ähnelt, sie aber nicht nur kopieren, sondern durch die Art und Weise der Kopie einsehbar machen will.

Yotta Kippe- Precious Moments – Digitale Malerei- Monaden – Zeichnung

Die Berliner Künstlerin Yotta Kippe fasst das Thema Mikrokosmos auf als die Welt der winzig kleinen Wahrnehmungs-Nuancen im reaktiven Zusammenleben der Menschen: Der Mensch als Urbaustein der Weltsubstanz, der die Außenwelt und die eigenen Emotionen erschafft, als ausgesetzes Wesen, der sein menschliches Sein immer wieder neu zu ergründen, wahrzunehmen und zu definieren hat.
Es geht um die Räume zwischen den Träumen, Sehnsüchten, Hoffnungen und der Lebensrealität des Alltags, um die Zwischenräume, die sich bilden wenn Traumzustand und Selbstwahrnehmung einander begegnen. Das Antlitz, als Gegenstand der Werke von Yotta Kippe bildet ein unbegrenzt veränderbares Beobachtungsobjekt. Kippe modelliert die Nuancen eines Augenblicks, die Empfindungsfeinheiten, die Untertöne und Zwischentöne. Diese Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung in mikroskopisch kleinen Schritten regt an, sich zu entschleunigen und authentisch zu sein. In ihren Monaden-Zeichnungen besinnt sich Yotta Kippe auf die elementaren Gestaltungsmittel Linie, Fläche, Zwischenraum und Hell-Dunkel-Modulation.Die angewandte Technik „Graphit auf Papier“ macht feinste Nuancierungen möglich, ohne in den Lautstärkebereich von Farbigkeit zu gelangen.

Nika Radic’- Reykjavik Journal 2.9. – 31.10.2004 – Installation

Die aus Zagreb stammende weit gereiste kroatische Künstlerin Nika Radic’, die inzwischen Wien und Berlin ebenso als ihre Heimatstädte ansehen kann, hat anlässlich eines Studienaufenthaltes 2004 zwei Monate in der Isländischen Hauptstadt Reykjavik verbracht. In dieser Zeit entstanden tagebuchartige Notizen über kleine alltäglichen Beobachtungen, die in der Summe ein nahes Bild vom Leben der Reykjaviker abgeben. Die Lektüre ist kurzweilig und informativ und man fühlt sich als hätte man selbst die Islandreise unternommen. Der Mikrokosmos des Alltags, die kleinen Unterschiede zum Heimatalltag, die jeder Fremde unterschwellig oder bewusst beobachtet und die das Fremde Stück für Stück verständlich machen, sind hier täglich aufgezeichnet. Zum Beispiel: „4.9. Um die Tür aufzuschließen dreht man den Schlüssel in die andere Richtung als ich erwartet hätte. 6.9. Die Eier werden nach Gewicht verkauft. 11.9. Die Leute hier wirken sehr relaxed. Wenn ich das sage gibt mir niemand Recht. 15.9. in der Kunsthochschule stehen lauter Sessel 1.10. Telefonnummern haben keine Ortsvorwahl„.
Die Arbeit ist minimalistisch, bestehend aus 128 weißen Blättern, die jeweils eine handschriftliche Notiz tragen. Der Betrachter wandert im Raum umher, ähnlich dem Reisenden, der die fremden Strassen durchwandert.

Joachim Schmid- Meetings – gefundene Fotografie

Reisekataloge von Neckermann, KLM und dem Niederländischen Reisemagazin „Stayokay“ sind das Quellmaterial dieser Arbeit. Der Berliner Künstler Joachim Schmid hat genau die kleinen Bildausschnitte gewählt, die im Hintergrund der großartigen Aufnahmen von Massenhotels an weißen Küsten zu finden sind und die glücklichen Paare zeigen, die die eigentliche Traumidylle des Reisens, der Erholung und des Frohsinns verkörpern sollen. Die ungefilterten und opulenten Klischees sind entlarvend, amüsant, und dennoch wirksam; immer dann, wenn sich der Betrachter ernüchtert bei der eigenen Last-Minute-Sehnsucht nach diesen virtuellen Orten erwischt, an denen die Sonne immer scheint, die Urlauber immer lächeln und die Pools immer blau sind.

Barbara Blickensdorff

 

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